Padovan-Methode® – Neurofunktionelle Reorganisation
Die Padovan-Methode® – Neurofunktionelle Reorganisation ist ein therapeutischer Ansatz, der von der brasilianischen Sprachtherapeutin und Pädagogin Beatriz Padovan entwickelt wurde. Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel neurologischer, sensomotorischer und orofazialer Funktionen.
Charakteristisch für die Methode ist die strukturierte Wiederholung entwicklungsbezogener Bewegungs- und Funktionsmuster. Die Therapie umfasst Körper-, Hand- und Augenübungen sowie Übungen des orofazialen Systems. Die einzelnen Bereiche werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern in ihren funktionellen Zusammenhängen und Wechselwirkungen berücksichtigt.
Die Übungen folgen einer methodisch festgelegten Grundstruktur und werden entsprechend den individuellen Fähigkeiten und therapeutischen Erfordernissen des Patienten angepasst. Ziel ist es, funktionelle Entwicklungs- und Reorganisationsprozesse therapeutisch zu unterstützen.
Entwicklung der Methode
Die Padovan-Methode® wurde Ende der 1960er und in den 1970er Jahren von der brasilianischen Pädagogin und Sprachtherapeutin Beatriz Padovan entwickelt. Ausgangspunkt war ihre Beschäftigung mit der kindlichen Entwicklung und insbesondere mit den Zusammenhängen zwischen Bewegung, Sprache und Lernen.
Während ihres Studiums der Sprachtherapie setzte sich Beatriz Padovan mit Konzepten zur neurologischen Organisation und mit entwicklungsbezogenen Bewegungsmustern auseinander. Einen wichtigen Bezugspunkt bildeten dabei die Arbeiten des US-amerikanischen Neurochirurgen Temple Fay. Aus diesen und weiteren theoretischen Einflüssen entwickelte sie einen eigenen therapeutischen Ansatz, in dem entwicklungsbezogene Bewegungs- und Funktionsmuster in strukturierter Form aufgegriffen werden.
Einen weiteren wesentlichen Entwicklungsschritt bildete ihre Tätigkeit an der kieferorthopädischen Fakultät der Universität São Paulo (USP). Dort erhielt sie den Auftrag, Behandlungskonzepte für orofaziale Dysfunktionen im Zusammenhang mit kieferorthopädischen Fragestellungen zu entwickeln. Aus dieser Arbeit entstanden die von ihr entwickelten Übungen für das orofaziale System. Ihre Neurofunktionelle Myotherapie wurde erstmals 1976 in der Revista de Ortodontia in São Paulo veröffentlicht.
Im weiteren Verlauf führte Beatriz Padovan die körperbezogenen und orofazialen Bestandteile zu ihrem Konzept der Neurofunktionellen Reorganisation zusammen und entwickelte die Methode über viele Jahre in der therapeutischen Praxis und Lehre weiter.
Grundlagen und charakteristische Merkmale
Die Padovan-Methode® verbindet unterschiedliche theoretische und therapeutische Bezugspunkte, die Beatriz Padovan im Verlauf ihrer Arbeit zu einem eigenständigen methodischen Konzept zusammenführte. Vier Bereiche sind für das Verständnis ihrer Entwicklung und ihrer therapeutischen Grundstruktur von besonderer Bedeutung:
Phänomenologische Naturbeobachtung
Ein grundlegendes Prinzip der Methode ist die Orientierung an Entwicklungs- und Funktionsabläufen des Menschen. Beatriz Padovan beobachtete natürliche Bewegungs- und Entwicklungsprozesse und griff charakteristische Bewegungsmuster in ihren therapeutischen Übungsabfolgen auf. Dazu gehören insbesondere die Entwicklung der Fortbewegung und Aufrichtung sowie Funktionen der Hände, der Augen und des orofazialen Systems.
Neurologische Organisation und Reorganisation
Einen wichtigen historischen Bezugspunkt bilden die Arbeiten des US-amerikanischen Neurochirurgen Temple Fay zur neurologischen Organisation. In der Padovan-Methode® werden entwicklungsbezogene Bewegungs- und Funktionsmuster in strukturierter Abfolge wiederholt und an die individuellen Voraussetzungen des Patienten angepasst. Aus heutiger Perspektive sind insbesondere die lebenslange neuronale Plastizität sowie die funktionelle Vernetzung sensorischer, motorischer und kognitiver Prozesse relevante Bezugsgrößen für die therapeutische Betrachtung.
Gehen – Sprechen – Denken
Die Abfolge „Gehen – Sprechen – Denken“ geht auf Gedanken Rudolf Steiners zurück und wurde von Beatriz Padovan als theoretischer Bezug in die Entwicklung ihrer Methode aufgenommen. Sie beschreibt innerhalb der Padovan-Methode® keine wissenschaftlich nachgewiesene kausale Abfolge, sondern dient als konzeptionelle und didaktische Orientierung für die Betrachtung von Bewegung, Sprache und höheren kognitiven Funktionen in der menschlichen Entwicklung.
Beatriz Padovans Weiterentwicklung und Integration
Beatriz Padovan verband die unterschiedlichen Einflüsse mit ihren eigenen Beobachtungen und therapeutischen Erfahrungen. Einen wesentlichen eigenständigen Beitrag stellen insbesondere die von ihr entwickelten Übungen für das orofaziale System dar. Daraus entstand ein methodisch strukturierter Ansatz, der Körper-, Hand-, Augen- und orofaziale Funktionen berücksichtigt und diese nicht ausschließlich isoliert, sondern in ihren funktionellen Zusammenhängen betrachtet.
Charakteristisch für die praktische Durchführung sind strukturierte Übungsabfolgen, Wiederholung und Rhythmus sowie die Anpassung der Übungen an die jeweiligen Fähigkeiten und therapeutischen Erfordernisse des Patienten. Die Durchführung setzt keine aktive oder bewusste Mitarbeit voraus. Je nach individuellen Voraussetzungen können Übungen vom Patienten selbst ausgeführt, therapeutisch unterstützt oder vollständig geführt werden.
Durchführung und mögliche Anwendungsbereiche
Die Therapie nach der Padovan-Methode® folgt einer strukturierten Abfolge von Körper-, Hand-, Augen- und orofazialen Übungen. Die Übungen orientieren sich an entwicklungsbezogenen Bewegungs- und Funktionsmustern und werden entsprechend dem Alter, den individuellen Fähigkeiten und den therapeutischen Erfordernissen des Patienten ausgewählt und angepasst.
Ein wesentliches Merkmal ist, dass die Therapie keine bewusste oder aktive Mitarbeit des Patienten voraussetzt. Die Übungen werden vom Therapeuten führend und unterstützend begleitet. Je nach individuellen Fähigkeiten führt der Patient die Bewegungen selbst aus oder sie werden teilweise beziehungsweise vollständig durch den Therapeuten geführt. Dabei wird auf eine möglichst symmetrische und physiologische Bewegungsausführung sowie auf die Vermeidung von kompensatorischen und dissoziierten Bewegungsmustern geachtet. Eine bewusste oder aktive Mitarbeit des Patienten ist daher nicht grundsätzlich erforderlich.
Rhythmus und Wiederholung sind charakteristische Elemente der Durchführung. Die Bewegungsübungen werden traditionell durch rhythmisch gesprochene Verse begleitet. Körperbezogene und orofaziale Funktionen werden dabei im Rahmen des Gesamtkonzepts miteinander in Beziehung gesetzt.
Mögliche Anwendungsbereiche
Die Padovan-Methode® wird in unterschiedlichen therapeutischen und klinischen Arbeitsfeldern eingesetzt. Je nach beruflicher Qualifikation des Therapeuten und individueller Indikationsstellung können sich Anwendungsbereiche ergeben, insbesondere bei
- neurologische Funktionsstörungen, beispielsweise nach erworbenen Schädigungen des Nervensystems oder bei neurologischen Erkrankungen,
- sensomotorische und entwicklungsbezogene Störungen, beispielsweise bei Entwicklungsstörungen, Störungen der motorischen Koordination oder Autismus-Spektrum-Störungen,
- orofaziale und myofunktionelle Funktionsstörungen, beispielsweise bei Auffälligkeiten des Saugens, Kauens und Schluckens, der orofazialen Muskulatur oder im Zusammenhang mit kieferorthopädischen Fragestellungen,
- Störungen des Sprechens und der Sprache, beispielsweise bei Sprachentwicklungsstörungen, Aussprachestörungen oder erworbenen Sprech- und Sprachstörungen,
- Störungen schulischer und graphomotorischer Fertigkeiten, beispielsweise bei Lese-Rechtschreibstörungen oder graphomotorischen Störungen.
Die Anwendung ist über verschiedene Lebensphasen hinweg möglich – vom Säuglingsalter bis ins höhere Lebensalter – und kann an unterschiedliche funktionelle Voraussetzungen angepasst werden. Dies schließt auch Patienten mit erheblich eingeschränkter aktiver Mitarbeit oder eingeschränktem Bewusstseinszustand ein.
Die konkrete Indikationsstellung und therapeutische Zielsetzung richten sich nach dem individuellen Funktionsprofil des Patienten sowie nach dessen Ressourcen, Aktivitäten, Teilhabemöglichkeiten und Kontextfaktoren. Damit lässt sich die Anwendung der Methode in eine patientenzentrierte und ICF-orientierte Therapieplanung einordnen.
Fachpublikationen zur Padovan-Methode®
Zur Padovan-Methode® liegt eine wachsende Zahl an Fachpublikationen vor. Diese umfasst theoretische und konzeptionelle Arbeiten, Fachbeiträge und Fallberichte sowie empirische Untersuchungen zu unterschiedlichen Anwendungsbereichen.
Die Gesellschaft der Padovan-Methode® – deutschsprachiger Raum e.V. stellt veröffentlichte Fachliteratur zur Methode in einer fortlaufend aktualisierten Übersicht zusammen.
